Historisches rund um Adelby - Armenfürsorge vor 250 Jahren PDF Drucken E-Mail
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Die Armenfürsorge in Adelby vor 250 Jahren

von Klauspeter Reumann

Zu allen Zeiten hat es Menschen gegeben, die sich nicht aus eigenen Mitteln ernähren konnten und deshalb als arm galten. Immer auch gab es vielfältige Versuche der Mitmenschen, diese Armut zu lindern.

Im alten Großkirchspiel Adelby waren solche Probleme besonders zugespitzt, weil der Anteil von Bewohnern ohne Landbesitz überdurchschnittlich hoch war. Hier gehörten Ende des 18.Jahrhunderts 85% der Familien zu den Kätnern, die nur ein kleines Haus (Kate) mit Garten und Stallungen für Kleinvieh besaßen, oder zu den Insten, die bei ihnen als Mietleute wohnten. Sie verdienten ihren Lebensunterhalt als Tagelöhner bei den Bauern oder in der Stadt. Die Zahl der Kätnerfamilien blieb damals mit etwas über 200 Familien ziemlich konstant, während die der Insten von 16 auf 80 anschwoll. Demgegenüber zählten nur 15% zu den Bauern, das waren gleichbleibend 39 Familien; diese aber besaßen und bewirtschafteten das gesamte Acker- und Weideland. Dadurch herrschte in Adelby ein extremes wirtschaftliches und soziales Ungleichgewicht, denn sobald es den Kätnern und Insten einmal an Arbeit, Lohn oder Gesundheit fehlte, waren sie von Armut bedroht.

Die Unterstützung der Armen geschah durch die Kirche, indem während der Gottesdienste mit dem Klingbeutel und nach dem Gottesdienst im Armenblock für sie Geld gesammelt wurde. Der Pastor und seine beiden Juraten (Kirchgeschworenen) verteilten dies jeden Sonnabend an die Armen - etwa 20 Personen, die jede 3 bis 5 Schillinge erhielten. Dieses Almosen hatte damals die Kaufkraft für ein Brot und eine Kanne Milch. Außerdem erhielten der Küster und Lehrer von Adelby das wöchentliche Schulgeld (1 Schilling) für 30 arme Schüler und der Schulmeister von St. Jürgen für 6 Schüler. Deren Eltern wurde dadurch ermöglicht, ihre Kinder zur Schule zu schicken statt sie bei den Bauern in Brot und Dienst zu geben. Um 1750-70 verschärften sich die Armutsprobleme zusätzlich durch Arbeit suchende Zuwanderer und umherziehende Bettler. Pastor und Juraten setzten eigens einen Armenvogt für Adelby ein, der diese fremden Armen aufspüren und vertreiben sollte; doch auch dieser konnte „die Gemeinde von der Überschwemmung durch die fremden Armen unmöglich befreien.“ Um die eigenen Armen weiterhin zu unterstützen, die auswärtigen aber abzuwehren, folgten weitere Reformen: Pastor und Juraten legten ein Namensregister der in Adelby ansässigen, berechtigten Armen an, sie richteten eine schriftlich geführte Armenkasse ein und schufen nun das Amt von 6 Achtmännern, die die neue Armenfürsorge organisieren sollten.

Juraten und Achtmänner waren Ehrenämter, zu denen nur die Bauern reihum verpflichtet und in der Lage waren. Es spricht für die Last dieser Ämter, wenn sich die Bauern gern mit zwei- und dreistelligen Markbeträgen von ihnen freikauften; diese fielen dann der Armenkasse zu.

Unter dem Druck der wachsenden Zahl von Armen griffen Pastor, Juraten und Achtmänner nun auf eine königliche Verordnung von 1736 zurück, die ihnen erlaubte, die bisherige Almosenunterstützung durch ein allgemeines Armengeld - eine Armensteuer - zu ergänzen. Sie veranschlagten den Bedarf und legten diesen, je nach Klassenstand, auf alle Bewohner des Kirchspiels um. Als Relation setzten sie fest, dass, wenn die Bauern 16 Schillinge zahlten, die Kätner 4 bis 3 Schillinge und die Insten 2 bis 1 Schilling zu leisten hätten. Diese Bandbreite der Besteuerung spiegelte die Leistungsfähigkeit der drei Schichten wider.

Das quartalsweise erhobene Armengeld erbrachte jeweils 70 bis 90 Mark und musste um 20 bis 30 Mark aus dem Armenblock ergänzt werden. Daraus erhielten die anfangs 20, alsbald über 40 Armen jede Woche 3 bis 8 Schillinge Unterstützung. Dieser Betrag war kein voller Lebensunterhalt, sondern nur eine ganz geringe Linderung ihrer Not, denn Handwerker wie Maurer oder Zimmerer verdienten damals für den vollen Unterhalt ihrer Familie 1 Mark und 2 Schillinge als Tageslohn. Das waren nach der im Herzogtum geltenden Lübecker Münze 18 Schillinge. An den hohen Kirchenfesten Ostern, Pfingsten und Weihnachten erhielten die Armen immerhin einen Extraschilling.

Bei den Armenverzeichnissen fällt auf, dass nur ein Drittel Männer waren, zwei Drittel dagegen Frauen, und unter diesen wiederum sehr viele Witwen. Ihre Verarmung resultierte offenbar aus dem Tod der ernährenden Ehemänner. Soweit die Herkunft der Armen genannt ist, dominieren der Norder- und Süderhohlweg (heutige Glücksburger und Kappelner Straße), St. Jürgen, Adelbylund, das Engelsbyer Windloch und das Taruper Kreuz - eben die bevölkerungsreichen Wohngebiete der Kätner und Insten. Fast alle Armen sind über Jahre hinweg verzeichnet, die letzte Eintragung lautet meist „verstorben“, dazu die Kosten für Grab und Sarg. Das deutet auf Arme überwiegend höheren Alters.

Arme Kinder sind gesondert verzeichnet und zwar mit geringfügig höheren Beträgen, die dann an Familien gingen, die diese Kinder „in Alimentation“ aufnahmen. Hier wird es sich um Waisenkinder gehandelt haben. Für sie bezahlten die Achtmänner außerdem das Schulgeld und die Schulbücher und achteten auf strikten Schulbesuch, damit sie den Schulabschluss der Konfirmation erreichten und ihnen dadurch der Weg heraus aus der Armut geebnet würde.

Als in den 1780er Jahren immer mehr Zuwanderer in Flensburg Arbeit und in Adelby einen Schlafplatz suchten, sahen Pastor, Juraten und Achtmänner voraus, dass sich mit diesen Insten zukünftig ein großes Armutspotential anbahnen würde. Sie machten die Aufnahme von Insten melde- und genehmigungspflichtig, was meist Ablehnung bedeutet haben wird. Obendrein belegten sie ihre Kätner, die eigenmächtig einen Insten einquartierten, mit Geldstrafen. Dies unterband jahrzehntelang die weitere Niederlassung von Insten. Inzwischen jedoch waren viele Insten der ersten Zuwandererwelle in Armut gefallen, so dass Adelby schließlich 1817 ein Pflege-, Arbeits- und Armenhaus einrichten musste. Davon wird ein späterer Beitrag handeln.



 

Glockengeläut

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Aufnahme: Sebastian Schritt, Trier, 30.5.2010