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Kreuze und Kreuzigungsdarstellungen in der Kirche Adelby

von Eike Fischer

Er ist nicht zu übersehen - der gekreuzigte Jesus Christus ist der auffällige Mittelpunkt der Kirche Adelby. Gleich mehrmals finden sich Kreuzigungsdarstellungen: die Figur an dem von der Decke hängenden großen Kreuz, die kleinere Figur am Kreuz vor dem Altarbild, die schwer erkennbare "Creutzigung" aus sehr dunklem Holz an der Kanzel und zwei Bilder in der Reihe der Emporentafeln.

Am größten und eindrucksvollsten und raumbestimmend ist wohl das direkt vor dem Chor und den ersten Bankreihen hängende "Triumphkreuz" - eine Bezeichnung aus dem Mittelalter für große Kruzifixe oder Kreuzigungsgruppen. Das etwa drei Meter hohe und über zwei Meter breite Kreuz stammt aus der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts. An dem einfachen, brettartigen, innen grau gestrichenen und rot umrandeten Holzkreuz mit jeweils viereckigen Abschlüssen und vier strahlenförmigen, blattartigen Pfeilen hängt eine grob geschnitzte, braun gestrichene Figur, die Arme weit ausgebreitet, die Hände von Pflöcken durchbohrt und gehalten, die Füße übereinander geschlagen, von einem Pflock gehalten. Den langen, hageren Körper, an dem die Rippen deutlich hervor treten, umschließt ein einfaches hölzernes Lendentuch. Der Kopf ist nach rechts geneigt, Mund und Augen sind geschlossen, die kantigen Gesichtszüge umrahmt ein zopfartiger Kinn- und Backenbart, auf dem Kopf sitzt eine geflochtene Dornenkrone. Die einheitlich gestaltete, einfache und sehr eindrucksvolle Figur erinnert an Gestalten von Barlach, der sich bei seinen Arbeiten an ebensolchen Vorbildern orientierte. Die schlichte Form und dunkle Farbe drückt das Leiden von Christus am Kreuz besonders deutlich aus.

Die Christusfigur über dem Altartisch ist wesentlich kleiner, etwa 60 Zentimeter lang. Sie hängt an einem schlichten, grau gestrichenen Holzkreuz vor einer gemalten Golgatha-Landschaft. Der fein gestaltete Körper und das Gesicht sind wesentlich weicher geschnitzt, das rundliche Gesicht wird von dunkelbraunen, längeren Haaren und einem Vollbart umrahmt. Wie bei der großen Figur ist der Kopf nach rechts geneigt, Mund und Augen sind geschlossen. Der Körper ist hellgrau bemalt, das Lendentuch goldfarben und blau. Über dem Kreuz hängt eine kleine Tafel mit den Buchstaben I.N.R.I. (= Iesus Nazarenus Rex Iudaeorum - Jesus von Nazareth, König der Juden), die lateinische Form der nach Johannes 19, 19 von Pilatus gesetzten Inschrift am Kreuz Christi. Diese Darstellung ist viel farbiger, detailreicher und sinnlicher als die eher düstere, kantige des mittelalterlichen Triumpfkreuzes. Form und Farbe weisen auf ein anderes Verständnis der Kreuzigung hin - Christus als göttlicher Mensch, der das Leiden und den Tod überwindet.

Umrahmt wird das Kreuz von vielfältigen Details: rechts vom Betrachter aus gesehen Holzsäulen mit Rosenblüten, viele Holzranken mit goldfarbenen Rändern und Weintrauben, links volle Getreideähren, darunter das farbige Abendmahlbild, oben ein dreieckiges Gottesauge, umgeben von drei Engelsköpfen und goldfarbenen Strahlen und darüber die goldleuchtende Botschaft "Soli Deo Gloria" - Allein zur Ehre Gottes. Der Altar stammt vom Flensburger Bildhauer Friedrich Windekilde, der ihn im Jahre 1779 im Rokoko-Stil schuf.

Erst mit der umfangreichen Restaurierung der Kirche im Jahre 1964 durch den Kunstmaler und Restaurator Carl Fey-Talmühlen aus Ahrensbök in Holstein in Zusammenarbeit mit dem Landesamt für Denkmalpflege wurde das wurmstichige Holz der Kreuze erneuert und die beiden Kreuze an ihren heutigen Ort gesetzt bzw. gehängt. Auch die Golgatha-Landschaft war mit einem anderen Bild übermalt worden und wurde mühsam wieder hergestellt.

Die ebenfalls aus Holz geschnitzte Kreuzigungsdarstellung auf dem Kanzelkorb (1681) - eine Tafel aus dem Lebenszyklus Jesu - zeigt eine noch kleinere Figur am Kreuz, detailreich geschnitzt, umgeben von zwei weiteren Gekreuzigten und drei weiteren Personen, schwer erkennbar durch das dunkle Holz und die vielen Einzelheiten.

Ganz anders wiederum die zwei Bilder von der Kreuzigung im Stile der Bauernmalerei auf den Tafeln an der Empore über dem Kircheneingang. Diese Szenen werden anschaulich in bunten Farben als Teil der biblischen Geschichte erzählend wie in einem frühen Comic dargestellt. Nicht das Einzelbild ist hier wesentlich, sondern die ganze biblische Geschichte, beginnend mit Adam und Eva über das Leben und Sterben Jesu bis zu seiner Auferstehung. Und immer wieder mit dem Kreuz als Zeichen der Zugehörigkeit zur christlichen Gemeinschaft und des Schutzes durch Christus. Das konnte auch jeder Analphabet und Nicht -Bibelleser verstehen.

Wie konnte ausgerechnet eine Leidensfigur am Kreuz zum Symbol eines neuen, starken Glaubens werden, der den alten kraftstrotzenden Göttern überlegen war?

Nicht immer war das Kreuz ein Zeichen für die christliche Gemeinschaft und den Sieg des Glaubens. Es ist ein uraltes Symbol mit unterschiedlichen Bedeutungen in vielen Kulturen - mal versinnbildlichte es die Sonne, die als Gottheit verehrt wurde, mal war es ein Zeichen der Fülle oder einer Kreuzung von zwei oder mehr Wegen. Zu Zeiten Jesu war das Kreuz der letzte Buchstabe des hebräischen Alphabets, dieser Buchstabe "tau" war ein Zeichen für die Zugehörigkeit zu Gott und seinen Schutz. Bei der Taufe und dem Segen für die Gemeinde wird das Kreuzeszeichen gemacht für den Eintritt in die Gemeinschaft Christi. Für die Kreuzritter war es ein Zeichen der Zuversicht und des Sieges über die Ungläubigen.

Die Verurteilung zum Sterben am Kreuz für schwere Verbrechen, vor allem auch für Aufrührer und Verweigerer gegen die Mächtigen, war zu Christi Zeiten und noch lange danach eine übliche Todesart, um das grauenvolle Leiden zu verlängern und öffentlich abschreckend zu demonstrieren. So wurde das Kreuz für die Urchristen das Zeichen für das Leiden, Sterben und auch die Auferstehung. Christus hat das Kreuz auf sich genommen, wörtlich und im übertragenen Sinne. Er ist der vorhersehbaren, grausamen Kreuzigung nicht ausgewichen, hat das Kreuz getragen und bis zu seinem Tode ertragen und überwunden. Er steht ein für seine Worte und Taten bis zum bitteren Ende; seine scheinbare Schwäche am Kreuz wird zu seiner Stärke; er überwindet jedes Unrecht und jeden Gegner; er gibt allen Kraft und Stärke, die an ihn und seine Worte glauben. Das Kreuz wird damit nicht nur ein Zeichen der Zugehörigkeit und des Schutzes wie bei den Juden, sondern ein Zeichen des Sieges, der Überwindung des Leidens und Todes und des Triumphes, daher wurde es später oft mit Edelsteinen geschmückt.

In den ersten Jahrhunderten gab es noch keine Darstellungen von Christus am Kreuz, anfangs war das Bekenntnis zu dem neuen Glauben und ihren Zeichen wohl eher lebensgefährlich, Christenverfolgungen gab es bis in das 4. Jahrhundert. Auch fürchteten die frühen Christen den Spott der mehrheitlich Andersgläubigen. Mit dem Bau der ersten Basilika über dem Grab Christi und den Pilgerzügen begann auch die Verbreitung und Verehrung des Kreuzes. Bei den ersten Darstellungen der Kreuzigung um 430 ist sie Teil der Geschichte über das Leben Jesu und weiterer Personen aus der Bibel. Erst später konzentrieren sich die Künstler ganz auf Christus und das Kreuz. In der abendländischen Kirche wird der Opfertod am Kreuz von Jesus Christus, mit dem er die Vergehen der Menschen gesühnt hat, zum Mittelpunkt und Zeichen der Heilsgeschichte für alle gläubigen Christen. Christus flüchtet und kuscht nicht vor der Macht, dem Hohn und Spott, er ruft nicht zu Kampf und Gegengewalt auf, sondern zur Liebe zu Gott und untereinander. Das ist neu und anders, ein wirklich neuer Weg für die Menschen aller Länder und Zeiten. Das Kreuz ist dafür das deutliche Zeichen, es wird auch ohne figürliche Darstellungen verstanden.

In den verschiedenen Kreuzigungsdarstellungen aus unterschiedlichen Zeiten in der Kirche Adelby spiegeln sich die Auffassungen und Sichtweisen der Künstler und ihrer Zeit wieder. Verschiedene Deutungen sind möglich, sie alle wollen aber eines deutlich machen: die Überwindung des Leidens und Todes im Zeichen des Kreuzes, die Gegenwart von Christus unter uns. Das Kreuz ist den Christen eine ständige Erinnerung und Mahnung, Christus Worten und Taten nachzufolgen, ihn zum Leitbild des eigenen Lebens und der Gemeinschaft zu machen. Freuen wir uns an den verschiedenen Darstellungen in unserer Kirche und sehen Sie sich diese einmal genauer an. Es lohnt sich in jeder Hinsicht!



 

Glockengeläut

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Aufnahme: Sebastian Schritt, Trier, 30.5.2010