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Der Gottesdienst in der Gemeinde (Teil 2)

Historische Streiflichter – 2000 Jahre Gottesdienst

In diesem zweiten Teil zum Gottesdienst in der Gemeinde möchte ich einen Blick werfen auf unsere 2000 Jahre alte Tradition, Gottesdienst zu feiern. Unser Gottesdienst mit seiner Liturgie, seinen Inhalten und mit dem dahinter liegenden Interesse der Menschen, Gott in Gemeinschaft nahe zu sein, ist ja nicht vom Himmel gefallen.

Im Neuen Testament gibt es keinen Begriff für den Gottesdienst als Zusammenkunft von Glaubenden an einem bestimmten Ort. Wenn von „Gottesdienst“ die Rede ist, dann ist es eine Aufforderung, das ganze Leben als Gottesdienst zu gestalten. Insofern kann der Begriff nicht auf unsere heutige Vorstellung vom Gottesdienst in der Kirche übertragen werden. Das, was wir heute „Gottesdienst“ nennen und damit meist so etwas verbinden wie „immer sonntags um 10“ mit festem Ablauf oder eben ganz konkret den Gottesdienst in anderer Form (Taizé-, Jugend- oder Familiengottesdienst), hat sich aus verschiedenen Traditionen heraus entwickelt.

Formen und Orte des Gottesdienstes waren schon im Urchristentum nicht einheitlich. Die Anhänger Jesu trafen sich im jüdischen Tempel zum Gebet, trafen sich in den Synagogen und kamen aber vor allem in den Häusern zusammen. Paulus beschreibt die Offenheit des Zusammenkommens der Christen: „Wenn ihr zusammenkommt, so hat ein jeder einen Psalm, er hat eine Lehre, er hat eine Offenbarung, er hat eine Zungenrede, er hat eine Auslegung. Lasst es alles geschehen zur Erbauung.“ (1. Kor 14, 26)

Der eigentliche Raum, wo sich der urchristliche Gottesdienst entwickelte, war wohl das Haus als wichtigster Ort menschlicher Begegnungen. Die gemeinsam gehaltene Mahlzeit vor allem am Abend war von Riten begleitet. In Anlehnung an jüdische Bräuche waren feste Gebete, der Segen über Wein und Brot und theologische Lehrgespräche feste Bestandteile solcher Zusammenkünfte, Sie dienten der Vergewisserung im Glauben an Gott und der Feier der Begegnung mit Christus. 

So kann das Abendmahl als Grundstein für eine liturgische, also gottesdienstliche Praxis, gewertet werden, die sich aus der Mitte der Gemeinde entwickelt hat.

Lange hat sich der Schwerpunkt auf dem Abendmahl gehalten. Im zweiten Jahrhundert bekam die Abendmahlsfeier diakonischen, also helfenden Charakter. Die „Gabenbereitung“ war verbunden mit der Sammlung einer Naturalkollekte, das heißt von Nahrungsmitteln für die Bedürftigen in der Gemeinde. Feierabendmahle auf Kirchentagen, die immer auch verbunden sind mit dem Thema der Verantwortung für die 'Eine Welt' haben hierher ihre Impulse.

Die gemeinschaftlichen Aspekte der gottesdienstlichen Abendmahlsfeier gingen dann bis zum Mittelalter verloren. An ihre Stelle trat die Vorstellung, dass die Eucharistie eine heilige Handlung ist und der Opfertod Christi im Mittelpunkt steht. Der Gottesdienst wurde zur Großveranstaltung im Tempel, was sich auch an der Kunst des Kirchenbaus mit ihren monumentalen Räumen ablesen lässt. Außerdem wurde der Gottesdienst im späten Mittelalter als Möglichkeit gesehen, sich sein Seelenheil zu verdienen. Die Verzweckung des Gottesdienstes war für Martin Luther Anlass, gegen diese lateinische Messe zu protestieren und seine Vorstellung vom Gottesdienst in die Öffentlichkeit zu tragen.

Luther, der davon überzeugt war, dass der Mensch zu seinem Heil nichts selbst beitragen kann, sondern dass es ein reines Geschenk Gottes ist, sah auch den Gottesdienst als eine Gabe Gottes zugunsten des Menschen an. In den Lesungen, der Predigt und dem Abendmahl nimmt die Gabe Gottes konkret Gestalt an. Seine Gottesdienst-Ordnung gibt der Verkündigung des Wortes Gottes einen zentralen Stellenwert. Die Lesungen sollten in deutscher, nicht mehr in lateinischer Sprache gehalten werden. Außerdem machte Luther die Beteiligung der Gemeinde stark. Deutsche Lieder rückten in den Horizont auch der musikalischen Gestaltung. Alle konnten mitsingen. Der Gottesdienst sollte verständlich, erbaulich und bildend sein – eben am Menschen orientiert.

Im 16. und 17. Jahrhundert bekam der Gedanke der Belehrung und Erbauung ein starkes Gewicht. Friedrich Schleiermacher, einem Theologen des 19. Jahrhunderts, ist es zu verdanken, dass vor allem der Charakter der Feier ins Zentrum der Gottesdienstgestaltung rückt. Gottesdienst wurde verstanden als etwas, das zweckfrei aus dem Alltag herausgenommen ist, nicht über den kulturellen und religiösen Bedürfnissen des Menschen schwebt, sondern mit diesen in den Austausch zu bringen ist.

Wie weit dieser Anspruch umgesetzt wird, an dieser Frage zerbrechen sich noch heute Gottesdienst-Ausschüsse die Köpfe. Altes bewahren oder Neues wagen – diese zentrale Frage steht im Hintergrund, wenn Gemeinden sich heute an die Erneuerung von Gottesdienst-Abläufen heranwagen.

Das aber ist unsere Aufgabe, uns immer wieder mit dem auseinanderzusetzen, was wir tun, wenn wir Gottesdienst feiern, und ich bin dankbar dafür, denn je mehr sich zu Wort melden und die Auseinandersetzung mit ihrer Meinung befruchten, desto lebendiger und lauter wird das Wort Gottes zu hören sein. Nur wenn wir uns klar sind und klar entscheiden, was wir tun im Gottesdienst, können wir eine liturgische Beliebigkeit verhindern. Gottesdienst ist Heimat und braucht vertraute Elemente, und Gottesdienst ist Feier des Lebens und braucht Ausdrucksformen für eben genau diese Lebendigkeit!

 

Pastorin Anja Stadtland